Der Holzflughafen und ein Riss in der Matrix

Ein Flughafenterminal aus Holz? Klingt doch nach einer tollen Idee? Bis 2033 soll das in Zürich Realität werden. Der Betreiber wirbt mit Nachhaltigkeit. Und Bauen mit Holz ist im Trend. Doch ist das wirklich besser für das Klima? Am Ende des Lebens ist alles anders als man denkt.

In Vorbild mit weltweiter Ausstrahlung oder mehr Glanz als Gold?

Fliegen bleibt noch auf absehbare Zeit ein großes Klimaproblem. Und Flughäfen sind die dazu gehörenden Kathedralen des Überflusses. Reisen, shoppen und sich keine Gedanken machen. Aber heute geht es nicht ums eigentliche Fliegen, sondern wir bleiben auf dem Boden. Der Flughafen Zürich will sein Dock A und ein dazu gehörender Gebäudekomplex erneuern. Bekannt ist das schon länger. Es gab pandemiebedingt zwar einen kurzen Stopp, geplant wurde aber trotzdem weiter – weil es ein langfristiges Projekt ist und für den Flughafen zentral wichtig. Waren die ersten Ankündigungen und Renderings noch in Glas und Stahl, gab es jetzt eine sehr bemerkenswerte Änderung. Holz! Der neue Flugsteig soll mit viel Holz gebaut werden. Wow, aus Holz! War zumindest mein erster Gedanke. Und das beruhigende Wort “Nachhaltigkeit” klingt auch toll. Dieser natürliche Stoff, nachwachsend und die CO2-Bilanz ist auch viel besser! Genau solche Denkmuster sind gefährlich und werden aber gerne fürs Marketing ausgenutzt und damit – haha – zementiert. Schauen wir uns doch dieses Konstrukt mal genauer an. Denn es soll das weltweit größte solche Zweckgebäude aus/mit Holz werden. Der Sockel ist natürlich Beton, aber die Passagierebenen zumindest sollen komplett aus Holz bestehen. Natürlich hat so ein Gebäude auch eine viel weitreichendere öffentliche Wirkung als irgendein Verwaltungsgebäude. Wenn viele Millionen Fluggäste die Qualitäten von so einem Bau erleben werden, dann hat das doch auch noch zusätzlich eine gewaltige Vorbildfunktion? Doch wofür genau eigentlich? Natürlicher leben, bauen, wohnen und konsumieren ist schließlich Trend. Wie sieht es hingegen mit dem Klima aus?

Der Betrachtungswinkel

Ja, Holz hat ein verdammt gutes Image. Und es fühlt sich auch noch so gut an. Das sind psychologische Wirkungen und Marketingversprechen, die aber nicht ganz die Realität abbilden. Und das kann jetzt für viele eine herbe Enttäuschung sein, du musst also stark sein: Holz in Gebäuden ist nicht so viel oder oft überhaupt nicht besser fürs Klima. Autsch. Das sitzt. Wie kommt man auf so eine Aussage? Also als Kontext vorneweg, es braucht sehr viele Parameter, um genaue Aussagen treffen zu können. Und je mehr Parameter, je individueller das Ergebnis. Eigentlich so individuell, wie jedes Bauvorhaben unterschiedlich ist. Für das Klima ist vor allem, ja fast ausschließlich der Wert CO2 ausschlaggebend. Alles andere ist deswegen nicht unwichtig, aber soziale Nachhaltigkeit, Umweltbelastungen abgesehen vom CO2, Gesundheit etc. scheren das Klima herzlich oder zumindest gerade jetzt wenig. Wer also klimagerecht bauen will, der kann darum doch recht einfach rechnen. Wie viel CO2 verursacht das Gebäude durch die Materialien, den Bau, die Instandhaltung, den Energieverbrauch und durch den Abriss sowie Verwertung der dabei anfallenden Stoffen. Das ist schlicht der Lebenszyklus – und der ist klimarelevant. Ist ein bisschen wie Bio: nicht alles, was grün ist, ist auch gut für das Klima.

Ist Holz die Lösung? Spoiler: Es ist kompliziert.

Die Details

Viele kleine Details tragen zu einer Gesamtbewertung bei. Unterschiedliche Zielsetzungen, Annahmen oder Methoden verzerren den Anspruch an ein “grünes” Gebäude. Wer wirklich nur die Lebenszyklusrechnung für das CO2 macht, der stellt fest, dass der Faktor Zeit bestimmend ist. Wird bei der Herstellung und dem Bau CO2-arm gebaut, ist die kurzfristige Bilanz super. Aber was, wenn wie bei Holz am Ende des Lebens eines Gebäudes praktisch ausschließlich der Ofen wartet und erst dann das ganze CO2 frei wird? Genau hier tut sich der Riss in der Matrix auf. Denn je nach Zeitraum, für welchen Materialformen für Gebäude verglichen werden, ändert sich auch die Bilanz. Sprich, für Beton ist Zement notwendig – den herzustellen ist sehr energieaufwändig. Holz hingegen speichert CO2. Jedoch nur bis zum Zeitpunkt des Abrisses. In kleinen Gebäuden kann oft Massivholz zum Einsatz kommen. Wird intelligent gebaut und werden zum Beispiel Schraubverbindungen anstatt Klebeverbindungen genutzt, kann der Rohstoff Holz nach unten skaliert für zahlreiche ähnliche oder kleinere Anwendungen wieder benutzt werden. Der rohe Balken kann dann wieder zu Balken oder eben Möbel, Bodenbelägen oder Weinkisten werden. Fachleute nennen die komplette Kreislauffähigkeit “cradle-to-cradle” – von der Wiege wieder zur Wiege.

Bei größeren Gebäuden kommt aber oft die Leimholzvariante zum Einsatz. Weil diese Balken, wie hier bei diesem Flughafen, groß sind, werden sie praktisch immer aus verschiedenen Holzteilen zu großen Holzverbundbalken verleimt. Ab dann ist Holz nach dem Lebensende nur noch Sondermüll. Was quasi mit Erdöl verseucht wird, ist nicht mehr zu retten. Es könnte trotzdem noch in minderwertige Produkte recycelt werde – aber diese Anwendungen fehlen heute fast komplett. Der Markt dazu existiert kaum und die Forschung ist noch am Anfang. Mehr standardisierte Bauteile könnten da auch helfen. Wenn der Flugsteig mal wieder ersetzt wird, wäre es toll, wenn die Balken für andere Gebäude wie Lagerhallen noch genutzt anstatt verbrannt würden. Leimholz ist durch seine Flexibilität oft sehr spezifisch zugeschnitten auf nur die eine Anwendung. Wenn heute eine typische Tennis- oder Eishalle mit denselben verklebten Balken abgerissen wird, wird der Balken geschreddert und thermisch verbrannt – da belasteter Sondermüll. Als Stück weiterverwendet oder verkleinert als Dämmung, Pressplatten und weitere Produkte werden daraus üblicherweise nicht. Dort werden Holzabfälle aus der Neuproduktion von Holz eingesetzt.

Ein Holzgebäude kann sehr alt werden – gerade Valserhäuser in den Alpen sind zum Beispiel oft mehrere hundert Jahre alt. Man muss tatsächlich auch so robust bauen, wenn man diese Haltbarkeit möchte. Ihre Teile werden, heute sehr beliebt wegen ihrer Patina, oft komplett am Stück für neue wiederverwendet. In modernen Holzhäusern kommt hingegen praktisch nur die Fertigteilbauweise zum Einsatz. Da sind Elektrik, Rohre, Dämmung usw. schon eingebaut. Dieser Mix ist später schwer zu trennen. Diese Häuser sind nur auf eine bestimmte Lebenszeit ausgelegt und nicht auf die Unendlichkeit. Bei Massivgebäuden aus herkömmlichen Baustoffen ist natürlich die Bandbreite an Materialien und möglichen CO2-Bilanzen relativ hoch. Zwar können auch Ziegel downgecycelt werden – aber eben nicht neuwertig wiederverwendet werden. Dieses Recycling macht nachhaltiger, aber ist kein unendlicher Kreislauf. Also nicht cradle-to-cradle-fähig.

Erschreckend: fast alles Altholz landet im Ofen. Grafik: Umweltbundesamt.

Das Problem

Werden Holzgebäude nach weniger oder mehr Jahrzehnten verbrannt, dann wird das zwischengespeicherte CO2 trotzdem frei. Wer jetzt CO2 beim Bau einspart, um kurzfristig die ambitionierten politischen Ziele zu erreichen, der hinterlässt gleich schon der nächsten Generation ein großes Problem. Denn wenn bis dahin viel mehr Holzhäuser gebaut wurden, wird dann auch viel CO2 frei werden. Wie bei jedem Produkt ist vor allem Langlebigkeit der Schlüssel für Klimafreundlichkeit. Robust geplante und gebaute Gebäude speichern den Kohlenstoff viel länger. Außerdem ist da noch der Effekt, dass man mit schnell wachsendem Holz andere, negative ökologische Auswirkungen in Kauf nimmt. Und wenn ein Baum 140 Jahre alt werden könnte, aber vielleicht schon in der Hälfte seines Lebens gefällt und verbaut wird, dann ist die Frage, ob das wirklich so nachhaltig ist. Wächst an der Stelle sofort wieder ein genau gleicher Baum, wird der Wald umgebaut oder gar komplett zerstört? Und wenn er nachwächst, dann dauert es lange, bis wieder so viel CO2 gespeichert ist. Derweil das damit gebaute Gebäude einen viel kürzeren Lebenszyklus hat, bevor es wiederum ersetzt werden muss. All das beeinflusst theoretisch auch die Nachhaltigkeit des einzelnen Gebäudes massiv. Rein klimatisch ist es so, dass auf eine durchschnittliche Lebenszeit eines Gebäudes Holz in Sachen CO2 nur gerade 4-5 % im Vorteil ist gegenüber einem mit Mauerwerk. Die Lebenszeit variiert aber stark, je nach Einsatzzweck. Flughafengebäude werden weit schneller ersetzt als ihre physikalische Lebenszeit zuließe, denn Flugzeuge werden größer, politische Umbrüche fordern wie damals der Schengenraum eine andere Passagierlenkung und mehr Platz, ästhetische Architektur veraltet, Geschäftsmodelle ändern – Flughäfen verdienen heute an Dienstleistungen sowie Mieten von Läden und kaum mehr an Passagiergebühren. Sanierungen sind vielfach kompliziert und teuer oder gar unmöglich, weil beim Bau wenig darauf geachtet wurde. Der jedoch größte Faktor in der Klimabilanz eines Gebäudes ist mit Abstand der Energiebedarf während der Betriebsphase. Wie viel Energie ist für Kühlung, Heizung, Lüftung, Beleuchtung und Unterhalt notwendig? Das macht den Löwenanteil aus. Je besser der Energiestandard, desto besser die Bilanz. Transport von Materialien bei der Herstellung, die Materialien selbst und auch die Recyclingfrage sind im Vergleich sehr viel kleinere Anteile. Der Holzbau hat auch hier Nachteile, je nachdem wie er ausgeführt wurde. Der energetische Standard ist also der große Klimabrocken. Jedenfalls beim heutigen Energiemix.

Mehrstöckig in Holz bauen ist schon länger Standard. Aber kulturell leider noch nicht verankert in unseren Breitengraden.

Die fehlenden Standards und Gesetze

Es gibt zwar Ansätze zu einer Vereinheitlichung. Jedoch keine komplett allgemeingültigen oder gar gesetzlich geregelten Messmethoden, wie “nachhaltig” ein Gebäude ist, sein darf oder wie eben diese Berechnung standardisiert ist. Wenn wir schon das Beispiel in diesem Alpenland betrachten – im selben Land muss für die Errichtung einer Infrastruktur – egal ob Gebäude, Skilift oder Piste, im alpinen Raum meist eine sehr strenge Umweltveträglichkeitsprüfung, kurz UVP, gemacht werden. Mit unzähligen vorgeschriebenen Gutachten. Glaziologie, Geologie, Biologie, Fauna etc. Österreich geht sogar noch weiter und hat gar eine Umweltanwaltschaft, welche die Natur quasi rechtlich vertritt. Bei Gebäuden in der Zivilisation gibt es aber keine, zum Beispiel CO2-basierte, Regeln. Man darf weiter so unvernünftig und klimaschädlich bauen, wie man möchte. Was jetzt aber ändert, ist, dass Neubauten beim eben viel größeren Anteil, dem Betrieb, reguliert werden. Neubauten dürfen teilweise kein CO2 mehr ausstoßen. Dabei ist vor allem die Heizung gemeint. Solarpflichten bei Neubauten wie in Kalifornien oder das Verbot von Öl- und Gasheizungen sind weitere Hebel. Dass jedoch schon bei der Planung und dem Bau strengere Vorgaben erfüllt werden müssten, damit das Gebäude gar nicht erst zum Energieverschwender auf Lebenszeit wird, wäre der Königsweg. Dafür ist eine regelrechte Bauwende notwendig. Hier kommen jetzt aber auch die sehr guten Nachrichten. Man könnte viel mehr und viel intelligenter Material einsparen beim Holzbau. Könnte. Leider ist es so, dass für viele Holzbauten und Techniken sogenannte Bemessungen sehr kompliziert sind. Das sind Berechnungen zu Statik, Feuerfestigkeit, Schallschutz und vielem mehr. Das können wiederum noch nicht wirklich viele in der aufstrebenden Branche. Sprichwort Digitalisierung. Ein mittelständischer Betrieb bietet vor allem das an, was er technisch versteht und an entwickelten Produkten im Portfolio hat. Kauft er eine teure sogenannte Abbundmaschine – also ein Holzzuscheinderoboter – dann muss er diese auslasten. Diese Roboter sind aber auch ein Schlüssel, denn sie können fast alles herstellen, was das Holzbauerherz begehrt.

Holz-Beton-Verbund, das Beste aus beiden Welten.

Doch bemessen mit Gleichungen sechster Ordnung ist bei weitem nicht für jeden Holzbauingenieur möglich, weil mathematisch anspruchsvoll. Es sind Einsparungen von bis zu 30 % Material, mit am Markt vorhandenen Techniken jetzt schon machbar. Zum Beispiel mit Schraubverbindungen – auf Zug und Druck belastet. Das ist dann wie ein IKEA-Möbel, der Roboter sägt alles aus, bohrt am richtigen Ort die Löcher für die übers Kreuz angeordneten Schraubverbindungen vor und vor Ort kann dann auch ein ungelernter Arbeiter mit Anleitung das Haus genau gleich wie ein Möbel zusammensetzen. Das entspricht dann auch dem Cradle-to-cradle-Prinzip, denn ohne Kleber, Beschichtungen, etc. braucht man nur die Schrauben zu lösen und hat wieder ein rohes Stück Holz am Anfang des Kreislaufes. Kombiniert man zum Beispiel noch Holz-Beton-Verbund, dann wird es richtig spannend. Dabei werden ebenfalls Schrauben in Holzbalken gedreht, die dann als Armierung und gleichzeitig Verbindung zwischen Betonplatte und Holzbalken dienen. So können Betonplatten extrem dünn ausgeführt werden. Diese Symbiose aus Holz und Beton verbindet quasi die Vorteile beider Welten. Holzbalken tragen dann also sehr leichte Betonböden. Für viele schlecht vorstellbar, aber höchst faszinierend. Brandschutz, Schallschutz, Tragfähigkeit, freier Grundriss und vieles mehr sind dann kein Problem mehr und von beiden Materialien muss viel weniger eingesetzt werden als jeweils nur einzeln. Doch hier gibt es noch ein recht großes Kulturproblem. “Das haben wir schon immer so gemacht” ist leider auch in der Baubranche oft ein Hindernis. Holzbauer und Betonbauer sind unterschiedlich ausgebildet und vertreten oft ihr Fach schon fast religiös gegen jeweils die andere Technik. Mutige Architekten und Bauingenieure, die sich mit der Materie auseinandersetzen und die jeweils andere Partei an den Tisch holen, können aber spektakuläres erreichen. Beides versöhnt ist quasi der absolut heilige Gral. Dafür ist aber noch viel Überzeugungsarbeit bei der Bildung und auch der regulierenden Politik notwendig. Denn gerade letztere könnte viel vehementer auf bereits vorhandene und viel klimafreundlichere Bautechniken wie eben Holz-Holz- oder Holz-Beton-Verbund ohne billige fossile Kleber setzen. Deren Materialeinsparungen wären tatsächlich in der Lifecycle-Bilanz drastisch CO2 senkend. Und eben auch preiswirksam. So kann eine zwar aufwändiger zu bemessender Bau hintenrum wieder das Geld beim gesparten Material reinholen. Gerade jetzt bei den explodierenden Baustoffpreisen. Grob gesagt sind Gebäude für ca. 40 % der gesamten CO2-Emissionen in Deutschland verantwortlich. Da liegt viel drin, aber leider ist hier auch die Lobby besonders stark. Die Kunden wissen davon zu wenig. Und so regelt auch hier der Markt überhaupt nicht selber. Jedenfalls nicht in der Zeit, die uns noch bleibt.

Gemütlich ist sie ja schon, die überdimensionale Skihütte. Modern, hell und freundlicher als das Stahl und Glas der letzten Jahrzehnte. Das mit der Nachhaltigkeit muss sich hingegen erst noch zeigen.

Fazit

Gerade explodiert der Markt für das Bauen mit Holz. Neue Techniken und das Argument nachwachsender Rohstoffe machen das Material interessant. Holz hat viele Vorzüge und ich will auf keinen Fall Holz an dieser Stelle schlecht reden. Zum Beispiel kann mit Holz viel Gedöns wie Schaumplatten, Plastikfolie, Anstriche oder andere erdölbasierte Materialien wegfallen. Ich würde sogar ein Holzhaus selber bevorzugen. Aber in Sachen CO2 auf den gesamten Lebenszyklus gerechnet, muss man Holz etwas nüchterner betrachten. Der große Brocken ist der Betrieb, nicht der Bau, dafür muss eine CO2-Rechnung für den Lebenszyklus verpflichtend in die Baubewilligung. Nachhaltig ist nicht gleich klimafreundlich oder CO2-neutral. Das Wort kann auch für andere Kontexte, wie z.B. soziale Nachhaltigkeit, eingesetzt werden und ist obendrein kaum bzw. gar nicht definiert. Darum kann damit so frei geworben werden. Das ist nicht gut, denn beruhigte Gemüter sind leise Gemüter, wenn nicht sogar getäuschte. Im konkreten Falle des Flughafens Zürich ist es sogar so, dass der Vorgängerflugsteig erst 1986 in Betrieb ging – also als Gebäude sehr wohl noch älter werden könnte und nur den betrieblichen Anforderungen nicht mehr genügt. Damals günstig aus Fertigteilen schnell aber spartanisch errichtet, ist es heute zu klein. Der neue Flugsteig macht also allerhöchstens einen Teil der schlechten CO2-Bilanz des alten wett. So holen Fehler, die man heute macht, einem in Jahrzehnten erst ein. Mit dem Klima haben wir keine Jahrzehnte mehr, ab jetzt müsste eigentlich jede solche Entscheidung klug sitzen. Durch die räumliche Verschiebung des neuen Flugsteiges ergeben sich zwar gewisse Klimaeinflüsse, weil der Bodenverkehr der Flugzeuge optimiert wird, was auch Kerosin einspart, und auf das neue Gebäude kommen Solarpaneele, die zwei Drittel der verbrauchten Energie liefern sollen. Doch das Holz an sich hat wohl mehr einen psychologischen Effekt auf die Passagiere, als wirklich physisch auf das Klima. Kurzfristig stimmt die Prämisse, dass beim Bau weniger CO2 frei wird – langfristig muss diese Bilanz aber dann nicht viel oder überhaupt besser sein. Die Recyclingfähigkeit von verklebtem Verbundholz ist zudem praktisch (noch) nicht gegeben. Das Ding sieht also grün aus, hilft die – wie der Flughafen selber zugibt – kurzfristigen Reduktionsziele zu erreichen, ist aber viel zu schnell wieder ein Problem für die nächste Generation. Ein Gebäude vor dem Lebensende abzureißen und durch eines zu ersetzen, welches womöglich nicht substantiell CO2 auf seine Lebenszeit einspart, ist nicht wirklich nachhaltig im Sinne der Klimakatastrophe. Holz ist jedoch gegen andere Probleme gut, zum Beispiel Sandabbau für Beton, das Raumklima und Holz kann viele fossile Materialien ersetzen.

Lounge der Fluglinie Swiss, ebenfalls in Zürich. Hat man sich hier inspirieren lassen?

Dass Flughäfen eher kurze Lebenszeiten haben, ist an sich eine Tatsache. Der Flughafen Zürich zeigt auch angenehm, dass qualitativ hochwertige Gebäudeteile, teilweise noch aus der Gründerzeit, lange genutzt werden. Doch auch diese stehen nun auf der Abschussliste. Wie das runderneuerte Terminal B, welches aus derselben Epoche wie der Flugsteig A stammt und noch Jahrzehnte in Betrieb bleibt. Das Beispiel neuer Flugsteig ist nur ein Beispiel unter vielen, das hier Gelesene steht natürlich für fast jeden modernen Holzbau. Ein eher kurzlebiges Flughafengebäude ist wegen seiner energiesparenden Fassade, Recyclebarkeit oder dem Solarkraftwerk auf dem Dach für das Klima nachhaltig, nicht so sehr wegen des Baustoffes Holz. Nichts hält ewig – aber längere Haltbarkeit als bisher sollte unser Anspruch an Gebäude der Zukunft sein. Wenn man moderne Bautechniken fördern und politisch aus der Nische heraus priorisieren würde, dann wäre viel mehr drin fürs Klima. Das hat auch indirekt mit der Akademisierung und Digitalisierung zu tun, beides schwierige Themen hierzulande. Die Frage wird also nicht Holz oder Beton sein, sondern wie viel davon in welcher Kombination mit welcher Technik. Jedenfalls, wenn man das Klima noch retten will und Nachhaltigkeit nicht nur für Greenwashing herhalten soll. Nachhaltig ist ein Gebäude neben dem Energiebedarf während seines Lebens vor allem dadurch, dass es lange hält. Diese Erfahrung machen wir gerade mit den Häusern aus der Wirtschaftsboomzeit. Diese sind oft schlecht isoliert, günstig gebaut und darum energetisch und qualitativ Schrott. Bei manchen kann man Dämmplatten drauf pappen, aber nicht bei allen. Und dann wird ersetzt – aus ökonomischen Gründen, denn die Klimarechnung wird dabei selten gemacht. Nachhaltig Bauen könnte man aber gesetzlich verankern. Passiv-, Nullenergie- oder gar energiepositive Häuser, von mir aus mit einem vorgegebenen Mindestalter, müssen Pflicht und Techniken, die eine Wiederverwendbarkeit von möglichst vielen Teilen erlauben, bevorzugt werden. Sonst rechnen wir uns die gesellschaftliche Klimabilanz nur schön und verschieben das Problem in eine viel zu nahe Zukunft. Beides fatal. Klar werden Renditen leiden und gewisse Menschen sich keine Häuschen mehr leisten können – aber lieber noch einen bewohnbaren Planeten haben als individuelle Freiheit für wenige auf Kosten von allen. Fast-Food-Architektur gehört abgeschafft. Andere Kulturen und Epochen haben viel langlebiger gebaut, auch mit Holz. In diesem Sinne: Holz berühren und genau hinschauen.

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