All eyes on: Kiruna!

In dieser abgelegenen schwedischen Stadt entscheidet sich gerade die Zukunft Europas. Was hier passiert und warum sie ein Vorbild für uns alle werden könnte. Eine Reise in eine andere Welt.

Über zweitausend Kilometer nördlich von Berlin gibt es eine Stadt, in der gerade alles möglich scheint. In diesen Tagen richtet sich das Scheinwerferlicht der ganzen Welt in eine Region, die sonst vor allem eines ist, nämlich dunkel. Ein unglaublicher Schatz wurde hier entdeckt! Zudem wird die Stadt bald ihre Koffer packen und umziehen. Kiruna ist ein einzigartiger Modellfall und es lohnt sich ganz genau hinzuschauen. In jeder Hinsicht. Pack dein Köfferchen und komm mit mir mit zu fantastischen Nordlichtern, flauschigen Rentieren und einer geheimnisvollen Mine.

Der Ort

Kennst du dieses wohlige Gefühl? Draußen liegt Schnee, du sitzt in einem Zug, der leicht zu warm geheizt ist und sanft schaukelt. Du bist müde und die Augen wollen dir zufallen. Mit dem Auto hätte die Fahrt 26 Stunden gedauert. Mit dem Nachtzug ist es viel einfacher und bequemer. Was hier im Norden normal ist, kommt übrigens gerade wieder in ganz Europa in Gang. Winterlich weiße Bäume ziehen schemenhaft vorbei und wir sitzen bei einer heißen Tasse Tee im Speisewagen. Bald wird es Zeit fürs Bett. Am nächsten Morgen steigen wir am Bahnhof in Kiruna aus, einem schlichten roten Backsteingebäude. Da sind wir nun, im Klondike am Polarkreis. Die Luft ist so kalt, dass sie erstmal in der Lunge schmerzt. Der Atem gefriert direkt im Schal beim Ausatmen. Tagsüber ist es hier im Winter zwischen -9 und -15 Grad kalt, in der Nacht auch gerne mal unter -30 Celsius. Dafür, dass die Stadt eine so große Bedeutung hat, ist sie relativ klein. Nur etwas mehr als 17.000 Einwohner leben hier.

Das Eishotel. Kunst, Kultur und Nordlichter – eine einzigartige Umgebung.

Und diese leben vor allem von der örtlichen Eisenmine. Wer sich noch an den Atlas in der Schulzeit erinnert – für die jüngeren Leser, das ist ein Buch mit ganz vielen Landkarten der Welt, voll mit Informationen zu Geografie und damit auch Bodenschätzen – der ist vielleicht tatsächlich wie ich damals über den Ort ganz im äußersten Norden von Schweden, nicht weit von der norwegischen Grenze gestoßen. Die riesige Eisenerzmine ist der einzige Grund für die Existenz der Stadt, welche die letzten 145 Jahre vor allem um den Bahnhof herum gewachsen ist. Mittlerweile gibt es in der Nähe aber auch eine Bodenstation für ESA-Satelliten und eine Basis für Forschungsraketen. Auch der Tourismus spielt zunehmend eine Rolle, der eine oder andere kennt vielleicht das berühmte Eishotel, welches hier jeden Winter neu entsteht. Sogar ein kleines Skigebiet gibt es. Die Eisenerzbahn “Malmbanan” geht von hier aus nach Süden nach Luleå an der Ostsee, als auch nach Narvik in Norwegen am Atlantik, welcher dank des Golfstromes im Gegensatz zum Hafen von Luleå eigetnlich immer eisfrei bleibt.

Der Schatz

Eben gerade wurde in Kiruna eine absolute Sensation verkündet. Ganz in der Nähe wurde wohl unermesslich große Vorkommen von seltenen Erden gefunden, die größten jemals entdeckten in Europa. Diese Nachricht könnte nicht zu einem besseren Zeitpunkt kommen. Mitten in einer energie- wie geopolitischen Krise ist das genau, was wir jetzt brauchen. Ja, Minen und auch die Ausbeutung von seltenen Erden haben viele Auswirkungen, vor allem auf die Umwelt. Doch das Bild muss größer betrachtet werden, dank dieses Fundes hier wird Europa ein riesiges Stück unabhängiger von China, welches heute praktisch einziger Lieferant von seltenen Erden ist. Damit können viele Dinge gebaut werden, die wir dringend für die Energiewende, ja die gesamte grüne und weniger grüne Zukunft brauchen. Zum Beispiel Permanentmagneten für Elektroautos, Metalle für Batterien und Halbleiter, aber auch Bildschirme. Darum sind seltene Erden ein Spielball der großen Weltmächte. Weil China den Weltmarktes dominiert, hat es Quoten eingeführt, um die Verarbeitung und damit deren Wertschöpfung vor allem ins Inland zu holen. Das passte wiederum den USA überhaupt nicht und darum haben die den Abbau selber intensiviert. Von 2010 bis 2020 sank der chinesische Anteil am Weltmarkt von 95 % auf knapp unter 70 %. Europa ist dazwischen gerade an einem absoluten Scheideweg und bricht in eine Zeitalter von mehr Eigenständigkeit auf. Kiruna könnte darum eines der zentralen Schlüssel dafür werden. Der Fund wurde übrigens von LKAB, dem vollständig staatlichen Minenkonzern bekannt gegeben, der hier das Eisenerz bisher förderte.

So soll das neue Kiruna aussehen.

Die Gefahr

Und schon wird die Forderung laut, möglichst schnell die Vorschriften zur Erschließung neuer Minen in Europa zu lockern. Brüssel hat bereits Hilfe zugesichert. Denn an den Schatz zu kommen, kann nicht genug schnell gehen. Auch Deutschland profitiert davon, denn bei uns entstehen gerade mehrere Halbleiter- und Batteriefabriken. Die Entdeckung der seltenen Erden birgt aber auch große Risiken. Vor allem deren Verarbeitung ist schmutzig. Es gibt zwar ein biologisches Verfahren, aber meist kommt das chemische zum Einsatz. Mit Säuren werden seltene Erden aufwändig separiert. Dabei entstehen unter anderem radioaktive Abfälle, weil sich dabei auch Thorium- und Uranverbindungen lösen. Wenn nicht genau aufgepasst und technisch sauber gearbeitet wird, kann das massive Folgen für die Umwelt und Gesundheit haben. In China werden die enormen Abfallmengen in Form von giftigem Schlamm einfach in offenen Teichen gelagert, die mit der Abbaumenge immer größer werden und Ausdehnungen von mehr als zehn Quadratkilometer erreichen. Gefahren für das Grund- und damit Trinkwasser können so entstehen. In den USA kam es übrigens bei einem ganz ähnlichen Teich in der Nähe von Uranminen zu einem Dammbruch und in der Folge zu der schlimmsten Atomkatastrophe der USA, weit folgenreicher als Three Mile Island. Wir tun also gut daran, in Schweden genau hinzusehen, auch wenn uns die seltenen Erden dort vielleicht eine ganz andere Zukunft ermöglichen, als bisher gedacht. Der Kompromiss des Abbaus, um das Klima retten zu können, ist unausweichlich. Die Risiken hingegen müssen es aber nicht sein.

Der Umzug

Falls du dich doch für eine Flug zum kleinen Flughafen hier entscheidest, würdest du beim Landeanflug den gigantischen Krater der Eisenmine erkennen können. Doch das ist nur der sichtbare Teil. Als dieser nämlich erschöpft war, begann man unterirdische Schächte zu bauen, welche bis tief unter die Stadt reichen. Und genau das wird nun zum Verhängnis. Der Boden wird immer instabiler. 2003 verkündete der Minenbetreiber, dass die Risse unter der Stadt viel schneller zunehmen, als erwartet. Darauf wurden weitere Arbeiten direkt unter Plätzen und Gebäuden der Stadt eingestellt. Die einzige Lösung: Das Stadtzentrum und ein ganzer Ortsteil müssen umziehen. Das passiert zwar nicht von heute auf morgen, geplant ist aber doch der Zeitraum rund um das Jahr 2040. Rund 6000 Menschen werden umgesiedelt, ans andere Ende der Stadt, welches fünf Kilometer entfernt liegt. Dort entsteht Neu-Kiruna mit einem Zentrum rund um das neue, kreisrunde Rathaus. Auch die Eisenbahn, das Schwimmbad und die Verwaltung ziehen um. 80 % der Bevölkerung freut sich aber auf den Neuanfang. Denn dieser bietet vor allem eine riesige Chance, vieles besser zu machen. Kosten wird das alles, Stand 2020, ungefähr 1,2 Milliarden US-Dollar. Bezahlen muss der Umzug übrigens LKAB, also indirekt der Staat. Wie praktisch, denn so steht dem Vorhaben fast nichts im Weg. Und speziell nach dem Fund der seltenen Erden gewinnt die Stadt noch viel mehr an Bedeutung. Die Investition hat sich darum jetzt schon gelohnt. Auch Schweden kennt den Fachkräftemangel und eine neue Stadt der Zukunft ist da ein tolles Aushängeschild. Wie man im extrem hohen Norden erfolgreich Weltkonzerne ansiedelt, haben schon die Nachbarstädte Luleå mit Facebook und Skellefteå mit einer der begehrten Batteriefabriken bewiesen.

Das runde Rathaus im Hintergrund und ein Teil des neuen Stadtzentrums. Der hier sichtbare Teil ist aber nur ein Bruchteil, von dem, was noch entstehen soll.
Die Recyclinghalle ist auch der zentrale Seilbahn-Bahnhof.

Mit dem Umzug möchte man traditionelle Techniken und Stile beim Bau von Häusern bewahren und diese weiterentwickeln. Mitten in der Stadt soll dafür eine große Halle gebaut werden, welche nicht nur als Treffpunkt dienen soll, sondern während der Umsiedlungszeit auch als Zentrum für Recycling von Häusern und Materialien. Man will ein weltweites Vorbild zur Wiederverwendung von Baumaterial vor Ort werden. Dafür entstehen Arbeitsplätze und sogar eine kleine Hochschule wird gebaut. Das gewonnene Know-How wird für das planetare Rennen Richtung Nettonull viel wert sein. Vieles kann neu gedacht und auf einen Schlag verändert werden. Zum Beispiel in Energiefragen, vor den Toren der Stadt entsteht seit rund zehn Jahren Europas größter Windpark. Gebaut wird er ausgerechnet von einem bayrischen Unternehmen. In Lappland gilt 10H nicht. Doch auch hier waren die Ureinwohner anfangs nicht gerade begeistert. Die geplanten 1101 Anlagen, finanziert von den deutschen Banken NordLB, KfW, IPEX-Bank und HSH Nordbank, sollen einst die Leistung von vier Atomkraftwerken zusammen haben. Weil wir nicht wollten, erwirtschaftet das deutsche Kapital jetzt in Lappland mit Erneuerbaren Geld – und dekarbonisiert so das skandinavische Land vor uns. Man will zwar wie wir 2045 vollständig emissionsfrei sein, aber schon 2040 komplett nur noch erneuerbare Energien nutzen. Außerdem beziehen die Schweden dabei als erstes Land weltweit graue Energie mit ein, also auch Emissionen, welche im Ausland für den schwedischen Konsum ausgestoßen werden. Mit diesen Zielen sind die Schweden uns Lichtjahre voraus. Der Windpark hat übrigens einen neuen Großkunden – eine Aluminiumhütte. Und schon ab 2026 konkurrenziert man auch mit grünem Stahl den unseren, welcher noch mit Kohle und dannzumal mit teuer importiertem Wasserstoff geschmolzen wird. In Schweden hingegen stellt man den Wasserstoff mittels Elektrolyseuren aus Windkraft vor Ort her. Auch hier sind mehrere deutsche Großkonzerne mit dabei. Wenn bei uns Deindustrialisierung stattfindet, dann weil die CDU und CSU diese Firmen an Orte vertrieben haben, die offener für die Zukunft waren. Wenn dir von dieser deutschen Selbstsabotage jetzt das Augenlid nervös zu zucken beginnt, kann ich dich verstehen.

Auch das soziale Zusammenleben verändert sich in der Stadt, denn alle Plätze, Einkaufstrassen, Wohnblöcke, Parks und so weiter können quasi am Reißbrett neu geplant werden. Klar birgt das eine gewisse Gefahr von Eintönigkeit, die schon viele abgelegene Minenstädte machen mussten, aber genau das soll vermieden werden. Dazu wurde ein Architekturwettbewerb für eine grundsätzliche Stadtplanung ausgelobt. Die einzelnen Häuser werden jedoch durch viele verschiedene Architekten entworfen. Die organisch und mit der Mine gewachsene Stadt kann sich so von Fehlern der Vergangenheit befreien und hat die Möglichkeit, ganz neu auf die Bedürfnisse ihrer Bewohner einzugehen. 2019 wurde übrigens hier das erste Passivhaus des Nordens gebaut. Es ist das Vorzeigeprojekt der Stadtverwaltung. Die Abwärme von Haushaltsgeräten, Beleuchtung und der Bewohner soll für angenehme auch weit nördlich des Polarkreises ermöglichen. Nur an extrem kalten Wintertagen ist etwas von der angeschlossenen Fernwärme nötig. Kiruna möchte als selbsterklärtes Ziel die umweltfreundlichste Stadt der Welt werden.

Eine Seilbahn soll zur Hauptverkehrsachse werden.
Links die Mine. Die rote Linie ist die geplante Seilbahn. Rechts ist der neue Teil der Stadt zu sehen. Die Grafik ist aber nur ein grober Entwurf und hat sich bereits erheblich weiterentwickelt.

Der Gewinner des Wettbewerbs wurde nicht zuletzt wegen seiner interessanten Idee für den Nahverkehr in Kiruna ausgewählt. Zum ersten Mal weltweit soll die Stadt nämlich von Anfang an rund um eine besondere, zentrale Verkehrsachse geplant werden – eine urbane Seilbahn. Diese kennen Klimablog-Leser mittlerweile ziemlich gut. Hier im hohen Norden machen sie besonders Sinn. Denn sie schweben einfach über Schnee und Eis auf den Straßen hinweg. Sie passen zudem perfekt in die Größe von Kiruna. Über mehrere Stationen sollen die Mine, der dahinterliegende Hausberg, die Altstadt, das neue Zentrum und der Flughafen miteinander verbunden werden. Die zentrale Station wird quer durch die angesprochen Stadthalle führen, wo Häuser rezykliert werden sollen. 21 besonders historische Gebäude werden übrigens wie in den USA über die vorhandenen Straßen auf Tiefladern transportiert oder abgebaut und am neuen Standort wieder errichtet. Ein Teil ist bereits fertig, nämlich der Platz rund um das neue Rathaus namens “Kristallen”, welches ebenfalls schon steht. Davor sitzen wir nun gerade und trinken Glögg, den schwedischen Glühwein. Die Einwohner haben sich dieses Stadtzentrum übrigens aus den Vorschlägen ausgesucht, weil es besonders konzentriert einen neuen sozialen Mittelpunkt bildet, durchmischt mit öffentlichen Angeboten und Geschäften – in der langen Polarnacht ist so ein Ort ganz besonders wichtig.

Nicht nur die Bewohner, sondern auch historisch wertvolle Häuser ziehen mit um.

Fazit

Kiruna ist die Zukunft. Weit weg von allem ist die Stadt sich das Überleben gewohnt. Der alten Welt einer Mine weichend, muss und darf sie sich komplett neu erfinden und wird dabei zu einem Schaufenster an Technologie und Transformation mit globaler Strahlkraft. Man kann das gewaltige Vorhaben aus verschiedenen Blickwinkeln sehen. Einerseits wird eine funktionierende Stadt geopfert, CO2 dafür ausgestoßen. Andererseits wird sie eine wichtige Rolle für die europäische Zukunft spielen und die Art und Weise, wie die Bewohner beteiligt und über viele Jahre auf den Umzug vorbereitet wurden, ist vorbildlich. Anderswo wird über die Menschen hinweg geplant und gebaut. Die Mitwirkung, der ökologische Ansatz und die Sorgfalt kann man also durchaus würdigen. Der Umzug war übrigens schon lange vor dem jetzigen Fund der seltenen Erden eine beschlossene Sache. Doch gerade durch diese wird das Städtchen noch zusätzlich prosperieren und wachsen. Neben dem bereits jetzt aufstrebenden Tourismus könnte auch eine Art Pilgerort für moderne klimafreundliche Stadtplanung entstehen. Auch wenn die Renderings toll aussehen, darf man die Wunden der bisherigen Mine und die unerheblichen Gefahren der neuen Abbaustätten in der Gegend jedoch nicht vergessen. Der Ort erlebt einerseits so etwas wie ein Trauma, aber auch eine fabelhafte Wiedergeburt. Er lebt von und mit der Ausbeutung von Rohstoffen, das lässt sich nicht beschönigen. Aber er könnte der Welt zeigen, wie man eine Transformation auch in Sachen Klima angehen kann. Mit einem Ruck setzt sich der Zug wieder in Richtung Stockholm in Bewegung. Die farbenfrohe Sami-Tasche ist ein tolles Souvenir und die Nacht im Eishotel war unvergesslich. Wir werden nicht das letzte Mal hier gewesen sein. Wenn wir aber zurückkehren, wird der Bahnhof wahrscheinlich auch schon umgezogen sein.

Magst du den Klimablog unterstützen?
Dann teile diesen Beitrag auf Mastodon, Twitter oder
dem sozialen Netzwerk deiner Wahl. Danke!

Am Klimablog dranbleiben? Jetzt folgen!

Zurück zur Startseite