Wohnen im Parkhaus?

Ja, das geht - in Hamburg! Ein altes Parkhaus mitten in der Stadt wird in Wohnungen umgebaut. Dabei wird die vollständige Struktur des Gebäudes weiter genutzt, anstatt aufwändig neu gebaut. Quasi ein rezykliertes Gebäude, welches einen völlig neuen Nutzen erhält. Eine fantastische Metamorphose. Warum dieses Beispiel Schule machen sollte.

Ich gebe zu, als Kind haben mich Parkhäuser fasziniert. Sie waren kühl, technisch, geheimnisvoll – vielleicht gerade, weil sie so menschenlose Orte waren. Wird man älter, ändert sich das in das typische Tatort-Bild: in Parkhäusern wird gemordet, entführt oder geheime Gespräche, die niemand mitbekommen soll, werden dort geführt. Obwohl, das gilt eher für Tiefgaragen. Parkhäuser im eigentlichen Sinne, nämlich die über der Erde, Gebäude, die nur für diesen Zweck meist viergeschossig und kompakt, aber wenig ästhetisch anspruchsvoll in die urbane, autogerechte Stadt mehr oder weniger sensibel gestampft wurden. Will man sich ihrer im Zuge eines postklimatischen Stadtumbaus entledigen, dann muss man sie abreißen. Falsch. Muss und sollte man nicht! Dieses Projekt in Hamburg zeigt, dass man auch solche Strukturen durchaus weiternutzen kann.

Gemeinsschftsflächen und Gewerbe beleben das ehemalige Parkhaus

Aus alt wird neu

Die Grundidee ist nicht wirklich neu und schon länger in Mode gekommen, gerade in jüngster Zeit. Da werden ehemalige Industriebrachen, Bahnhöfe oder Bunker zu Forschungsstandorten, Kulturvierteln oder auch Lofts umgebaut. Was ist also gerade an einem Parkhaus so faszinierend anders? Vielleicht der starke Kontrast zwischen der erwähnten düsteren Seelenlosigkeit und einem Ort, wo Familien, Kinder, ja Menschen wohnen und leben sollen. Und weil es zuvor noch keiner gemacht hat. 

Querschnitt Gröninger Hof, neue und alte Teile des Gebäudes sind hier gut zu erkennen

Der Schaden ist viel größer als wir gemeinhin annehmen

Warum hat dieses Projekt Vorbildcharakter? Das vielleicht wichtigste Argument ist, dass die heutige Bauwirtschaft für praktisch 28 % der CO2-Emissionen verantwortlich ist. Direkt sind es nur 14%, aber indirekt durch die Erzeugung von Energie für die Produktion von Baustoffen und ähnlichen Effekten verdoppelt sich diese Zahl. Speziell die Zementproduktion hat einen extrem hohen Energiebedarf und die Ressourcenförderung wie zum Beispiel von knapp werdendem Sand ist ein großes Problem. Zerstört man ein bestehendes Gebäude, wird üblicherweise das Material grob getrennt, gilt aber immer noch als Sondermüll und muss deswegen auch so deponiert werden. Warum? Es gibt zwar erste Methoden zur teilweisen Wiederverwertung von zum Beispiel Beton, doch die überwiegende Menge von Altbeton wird deponiert, weil sie mit vielen anderen Stoffen wie Isolationen, Anstriche, Haftbrücken, Fugen, Kunststoffe, Asbest und vielem mehr untrennbar vermengt ist. Auch Holz ist oft behandelt, verleimt, lackiert oder gestrichen und gilt somit als Sondermüll. Leider. Man verliert also diese Stoffe und es gibt deswegen kaum kreislauffähige Materialien zurückzugewinnen. Damit geht also das vorhandene Material des bestehenden Gebäudes verloren und zusätzlich wird Material für ein neues benötigt. Die Prozesse des Abrisses, Verwertung, Deponierung, Transport und das Produzieren, Lagern und Herankarren von neuen Baustoffe usw. kommen da durch ihre auf verschiedenste Weise belastenden Folgen für Mensch und Umwelt noch dazu. So kumuliert sich die Verschwendung und der Gesamtschaden für uns alle ist viel größer als nur einfach der Neuwert von Material. Durch den Abriss wird auch immer eine große Menge an Feinstaub, der an sich krankmachend ist, und Betonstaub frei, der wiederum als giftig verdächtigt wird. Also alles in allem geht es um enorme Einflüsse, die fast alle auch unterschiedlich klimaschädlich sind. Betrachtet man also das umfassende Gesamtbild, lohnen sich solche Vorhaben wie in Hamburg. Finanziell, gesellschaftlich und klimatisch. Solange Gebäude und ihre Bestandteile also nicht wieder vollständig widerverwertet werden können, ist es sinnvoll, die einmal gebaute Struktur eines Gebäudes so gut und oft wie möglich wiederzuverwenden. Je systematischer dieser Umstand bereits beim Bau einfließt, durch zum Beispiel statische Flexibilität, je einfacher wird es, neue Nutzungen umzusetzen. Gebäude können ziemlich alt werden, älter als vielleicht ihr bestimmter Zweck. Man denke nur an Bürotürme und den jetzt disruptiven Prozess des aufkommenden Homeoffice. Bis jetzt dominierten Preis und Ästhetik, aber auch nachhaltige Kriterien könnten in lokalen Bauordnungen oder gar bundesweiten Regulairen in Zukunft Eingang finden.

Eine Genossenschaft baut im Erbbaurecht und sichert so den Standort für zukünftige Generationen.

In diesem Fall profitiert auch ganz konkret die Allgemeinheit. Die Stadt als Besitzerin hätte nämlich das am Ende seines Lebens angelangte Parkhaus verkaufen können. Ein Investor hätte vor allem das Land gekauft, jedoch das Gebäude abgerissen und etwas Neues hingestellt. Ohne große Vorgaben und wenig nachhaltig. Die Allgemeinheit hätte die Kosten wie Feinstaubbelastung, Umweltschäden und verlorene wertvolle Flächen in Innenstadtlage bezahlen müssen. Doch es kam anders, die Stadt überließ das Parkhaus und Grundstück im Erbbaurecht einer Genossenschaft, die den Kern des Gebäudes komplett weiter nutzt. Und zwar sehr vielseitig: Wohnungen, Gewerbe auf rund 10’000 Quadratmetern und auch viel Grün. Selbst die Auf- und Abfahrtsrampen, also möglich viel der Originalstruktur sollen bleiben, wie sie sind. 

Die Vor- und Nachteile?

Vorteile sind sicher die kürzere Bauzeit, weil man sich den Abriss sparen kann, die weniger benötigte und aktuell sehr teuer gewordenen Materialien und auch den Schutz von historisch wertvollen Gebäuden. Bei einem Parkhaus aus den 60ern? Ja, denn jede Epoche hat typische Bauten, die später als Zeitzeugen ihren Wert für zukünftige Generationen erhalten. In den Entwürfen erkennt man sogar eine Anleihe an Gestaltungselemente dieser Zeit, wie zum Beispiel die abgerundete Ecken des Dachgeschosses. Nachteile hingegen können Grundriss, die kompliziertere Baulogistik oder die Flexibilität bei der Gestaltung von Innenräumen sein. Gerade Parkgaragen gelten zudem als besonders schnell baulich abbauende Gebäude. Oft sind sie als offene Strukturen dem Wetter einfach ausgesetzt, dazu kommt der Todfeind von Stahlbeton: Salzwasser im Winter. Es kommt also sehr auf die Qualität des bestehenden Gebäudes an, ob und wie es überhaupt wiederverwendet werden kann.

Das Gebäude heute – ein schnödes Parkhaus als Mahnmal der autozentrierten Zeitepoche der Nachkriegszeit

Fazit: Gute Stadtplanung rettet nicht nur das Klima, sondern macht die Stadt auch lebenswerter

Das Gebäude und der Boden werden durch diese Lösung mit der Genossenschaft zudem dem Finanzmarkt und der Spekulation entzogen und ermöglichen eine soziale und zukunftsorientierte Stadtplanung für die heutigen und zukünftigen Bürger der Stadt. So wird das ganze Projekt auf vielfältige Weise nachhaltig. Es kann als erste zarte Pflanze einer neuen Kultur gelten, die wie beim Erhalt von Oldtimern Altes neu wertschätzt, vielfach verödete Innenstädte wieder sozial belebt, Ressourcen und Gesundheit schont sowie Mehrwert nicht nur für private Kapitalgeber, sondern für uns alle schafft. Noch verfügen wir kaum über wissenschaftliche Messmethoden, wie all diese vielseitigen Effekte zusammen gerade in der Interaktion untereinander welche Wirkung genau erzielen, aber bei jedem einzelnen Vorteil wird das Klima profitieren. Denn auch durch Verdichtung, Recycling, soziale Durchmischung, kurze Wege und weniger Ausrichtung auf Gewinnmaximierung kann im Bauwesen zusätzlich zu den harten Betonfakten massiv CO2 eingespart werden, wenn ein Projekt umfassend und nachhaltig gedacht und umgesetzt wird. Je mehr Standards wir schaffen, je mehr Wirkungen die Forschung belegen kann – besonders die vernetzten – je mehr solche Projekte wird es geben. Nicht zuletzt wegen des Imagegewinn für Bauträger und Stadt, sowie der Strahlkraft der Pioniertat weit in die Branche hinein. 

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